Gesendete Objekte

Ich hatte auf dem Heimweg nach Marburg noch den Plan, einmal im Monat nach Berlin zu fahren. Jetzt habe ich mir erst einmal neue Schuhe gekauft. Alltag narkotisiert Fernweh, aber manchmal kommt es wieder, das Gefühl, wenn man im Bus sitzt und White Ghost Shivers hört oder den SMS-Speicher leert und dabei auf alkohol- und gefühlsgetränkte Ergüsse vom Jahreswechsel stößt. Darum der letzte Kommentar, um das Kapitel abzuschließen, ein finaler Urlaubsbericht in 17 mal ungefähr 160 Zeichen.

29.12., 00:29, an S.
So gut, meine Wege verändern sich kaum. ;) Heute schön im Starbucks am Hackeschen Markt gewesen. Jetzt sitzen wir in einer sehr guten Kneipe am P-Berg und trinken Vanillevodka. Und morgen gehen wir ins Gruselkabinett. Liebste Grüße!

30.12., 13:24, an S.
Gruselkabinett war voll gut! Unbedingt mal machen! Haben gestern Abend eine sehr gute Bar gefunden und heute Abend gleich wieder hin. ;) Berlin grüßt dich!

30.12., 19:47, an E.
Ey, sag mal Adresse zwecks Postkarte, bitte! ;)

30.12., 19:47, an E.
Nee, is uns zu teuer. ;) Gehen ins Magnet und hören da hoffentlich Indiepop. :)

31.12., 00:33, an L.
Lena! Ich hab vorhin ne Postkarte an dich geschickt, wahrscheins mit falscher PLZ. Kommt aber an. ;) Fuck teh haterz!

31.12., 02:59, an S.
Grad von nem alten Mann nen Joint bekommen. Bin fertig und hab Angst vor dem Indianer, der uns die ganze Zeit anguckt.

31.12., 03:01, an Twitter
Meine Berliner Liebe heißt CCCP!

31.12., 14:59, an S.
Die Indianer waren so penetrant, schlimm. ;) Doreen und ich haben beide von denen geträumt. Sehr schräger Urlaub. ;)

31.12., 14:49, an Twitter
Am Silvesternachmittag schon verkatert rumliegen verspricht ein rauschendes Fest heute Abend.

31.12., 16:36, an Twitter
Je meh Touristen man anpöbelt, desto heimischer fühlt man sich.

01.01., 05:45, an S.
Guten Morgen Berlin! Bin betrunken und ein bisschen verliebt. :)

01.01., 05:54, an Twitter
Der beste Mann wohnt in der falschen Stadt. Ich weine und weine und weine und weine und…

01.01., 12:23, an S.
Nee, diesmal sogar in meinem Alter. Bin einfach zu sentimental. ;) Geht bald auch wieder. ;)

01.01., 18:33, an C.
Grüße aus Berlin und ein frohes neues Jahr :)

01.01., 19:48, an L.
Frohes Neues! :) Sitzen grad im Zug in Richtung weg von Berlin. :( Geht alles viel zu schnell. :(

03.01., 01:58, an C.
Meld dich halt mal, wenn du in MR bist. Ansonsten: Dorfparties im Osten sind schon so ein bisschen schlimm.

03.01., 02:29, an E.
Auf Parties im Osten läuft Musik von vor fünf Jahren. Ein hübscher Mann da, aber viel zu jung. Bin etwas deprimiert und will nach Berlin zurück. :(

Fazit:
Ich mache viel zu viele Smilies. Ich könnte wohl mit 15-jährigen konkurrieren. Die Handyrechnung ließ mich ein bisschen schlucken. Großartig auch, dass meine Neujahrswünsche 18 Stunden Verspätung hatten, aber mir hat ja auch niemand geschrieben. Deprimierendste Erkenntnis: Mehr als mich betrinken und mich verlieben kann ich anscheinend auch nicht.

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Herr Lehmann-Krise

Wir haben uns gefragt, ob wir das wirklich einmal machen möchten und auf der Schwelle zum Uni-Abschluss lockt nichts mehr als ein Job im Ben Sherman-Laden oder an der Kinokasse, wer will denn wirklich Lehrer werden, wer will denn wirklich reich werden, ich will doch nur über die Runden kommen und in der großen, verlockenden Stadt wohnen und gestreifte Shots trinken und ab und zu bei dir vorbeikommen und deine Geschichten anhören.
Wir haben uns gefragt, ob wir das wirklich einmal machen möchten und wir wissen, dass das Leben, von dem wir im Moment träumen, höchstens noch zehn Jahre lang Spaß machen würde, und trotzdem die Stimme im Hinterkopf, die sich gegen das wehrt, was Andere als „ankommen“ oder „sesshaft werden“ oder „erwachsen werden“ bezeichnen. Es ist so schwer, etwas zu Ende zu bringen.
Reich heiraten ist auch immer noch eine Option.
Bleibt nur das Problem, dass reiche Männer etwas Anderes suchen als mich.

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Eingeordnet unter Leben

All I’m doing is losing

Das ewige Hin und Her, wir begegnen uns und du bist so nett und toll und ich bin hingerissen und dann begegnen wir uns wieder und du bist arrogant und merkwürdig und immer noch toll und ich weiß, beim nächsten Mal bist du wieder nett zu mir, lass das doch mal, entscheide dich doch mal, mich macht das alles wahnsinnig.
Ein schöner Abend und nette Menschen und heimlich geht die Schnapsflasche unter dem Tisch herum und alles wäre so perfekt, würden meine Gedanken nicht ebenso heimlich herumgehen und immer wieder bei dir landen. „Du funktionierst aber in der Beziehung auch echt auf Knopfdruck“, sagt der Freund, und ich weiß nicht, was ich denken soll.

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Eingeordnet unter Herz

When the streets are cold and lonely

Das hatten wir auch noch nicht oft, aus dem Urlaub zurückgekommen und festgestellt, dass man nicht nur die Zahnbürste oder den Hustentee dort vergessen hat, sondern auch den Verstand und besonders das Herz. Ich wollte nie nach Berlin ziehen, weil immer alle dahin wollen und was soll ich denn dazwischen; vorgestern saßen wir vor dem PC und überlegten, welches Konzert wir als Vorwand unserer nächsten Reise benutzen könnten. Fünf Tage geweint nach einem Abend, irgendwann fällt das Lachen dann doch leichter.
Verliebt in den Auszug einer Stadt irgendwo zwischen dem Rosenthaler Platz und der Danziger Straße, verliebt in den kompetenten Barmann, der schon mit 15 Jahren gestreifte Shots erfunden hat, verliebt in die die Band, die völlig unerwartet in besagter Bar alle Herzen im Sturm eroberte, verliebt in den Vanillevodka, verliebt in Käsebrötchen mit Barbecuesauce und verliebt in den Mann mit der wunderschönen Stimme, der mich dazu bringt, zu Bon Jovi Luftgitarre zu spielen, besser kann ein Urlaub gar nicht sein und so betrachtet gibt es herzlich wenig Grund zu weinen, mein Kind.
Nur, dass in der Heimatstadt die Menschen alle so unfreundlich gucken, wenn man mit den Stone Roses auf den Ohren debil vor sich hin grinsend durch die eiskalten Straßen tanzt.

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Eingeordnet unter Herz, Popmusik

Thursday watch the walls instead

Zwischen Ledertaschen und Pinnwänden und Kicherkugeln Geschenke angucken und anfassen und sich freuen, ein bisschen, zwischendurch wird gegessen und ich stopfe mich kommentarlos voll, auch wenn die Currykürbiskrabbensuppe nicht schmeckt, aber an Weihnachten will man sich ja nicht mit seiner Mutter streiten. Ein bisschen peinlich, zusammen mit dem Neffen und der Mutter Weihnachtslieder zu spielen, auf der Blockflöte, wie in der Grundschule, ein bisschen schön, hinterher, dann mit The Wedding Present in meinem Zimmer, das schon lange nicht mehr mein Zimmer ist. Vorfreude auf Sonntag und Berlin und Zigaretten, wieder ein bisschen normaler, das alles hier. Auch wenn es mich rührt, dass ich sie eigentlich alle mag; den Bruder, der nicht hier ist, der Bruder, der Familie hat, die Eltern, ich wünschte, ich wäre jetzt in meinem richtigen Zimmer und es würde mir nicht alle fünf Minuten jemand über die Schulter gucken und mich fragen, was denn los ist, warum ich nicht da bin, richtig.

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Eingeordnet unter Allgemeines

Ich war mal Fan von dieser Band

Ich besaß alle Alben und konnte jeden Ton mitsingen und zu jedem Song eine seitenlange Abhandlung schreiben. Ich hatte Tourplakate im Zimmer und einen Aufkleber an meinem Auto und ich habe Zitate in Gespräche eingeworfen und niemand hat sie verstanden. Zum ersten Konzert bin ich allein gefahren, mit dem Auto durch den Regen und ich habe kaum gesehen, wo ich hinfahre, weil die Gischt der LKWs die Frontscheibe blendete und ich hatte doch sowieso schon immer Angst beim Autofahren. Die Band war bei mir und es war gut. Ich habe bei meinem Lieblingslied geweint und als mich dann die Bastarde nach Hause brachten, war ich mir so sicher, nichts könnte uns jemals trennen, ich war mir so sicher, ich könnte mir den Namen der Band auf den Oberschenkel tätowieren und würde mich niemals dafür schämen.
Ich zog in eine andere Stadt und fand keine Freunde, bis ich einmal mit einem T-Shirt der Band in die Uni kam und Doreen auffiel, dass ich ja vielleicht doch nicht so schlimm bin, und jetzt war sie die Erste, die ich anrief, als Michael Jackson starb, das sind die Geschichten, die sich unsere Generation in ein paar Jahren wehmütig erzählen wird. Wegen dieser Band verliebte ich mich in Christian und wir schrieben uns pathetische Zeilen und Songzitate hin und her und es war niemals so schön, verliebt zu sein. Auf der Fahrt zu einem Konzert brachte Sibylle uns beinah um, wir waren müde und orientierungslos. Später an diesem Abend notierte ich mir die wichtigsten Textstellen aus den neuen Liedern mit Kugelschreiber auf dem Arm, um sie später in die Welt hinauszuschreien.
Es war so schön mit dieser Band und plötzlich brachten sie ein schlechtes Album heraus. Es war nicht richtig schlecht, ich mochte zwei, drei Lieder sehr, was fehlte, war das Etwas, das mein Herz und meinen Kopf zusammenwachsen lässt, durch das sich mein gesamter Körper zusammenzieht und ich vor Schönheit und Wahrheit kaum noch Luft bekomme. Die Band war plötzlich berühmt und ich nicht mehr dabei. Und wenn ich auch heute noch gern das beste Lied vom zweiten Album laut höre und mitbrülle und mit der Faust gegen die Wand schlage, wir haben uns so sehr voneinander entfernt, dass ich immer häufiger vergesse, anzurufen und zu fragen, wie es denn geht. Das letzte Album habe ich mir nicht einmal mehr angehört. Den Stellenwert hat längst eine andere Band eingenommen und doch – mit ihnen ist es nie so wie mit dieser Band, das war so etwas Besonderes, meine erste große Liebe und es bricht mein Herz, dass mir der Abschied nicht mehr weh getan hat, da ist noch diese dumpfe Sehnsucht und der Gedanke, dass es damals alles irgendwie schöner und bedeutungsvoller war, als ich noch Fan von dieser Band war.

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